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«HIP HOP IST DAS IDEALE KULTURAUSTAUSCHPROGRAMM»

Die Musikszene Südafrika zehn Jahre nach dem Ende der Apartheid.

Kwaito, der Sound der südafrikanischen Post-Apartheid-Generation, wird immer kommerzieller. Zehn Jahre nach dem Ende der Apartheid dringt lokaler Hip Hop in den Johannesburger Mainstream ein. Nicht nur zur Freude der Rapgruppe Godessa, die zur Zeit in der Schweiz weilt.

Südafrika nimmt auf dem afrikanischen Kontinent in vielen Bereichen eine Sonderstellung ein. Auch in der Musikwelt. Das Land verfügt über die mit Abstand grösste Musikindustrie Afrikas. In der letzten Dekade, seit dem Ende der Apartheid, hat sich eine breite Mainstream- und Underground-Szene entwickelt: mit Independent- und Majorlabels, Musikproduzenten, einer grossen Auswahl an freien Radio- und TV-Stationen sowie zahlreichen Medien und Internet-Plattformen. Die musikalische Bandbreite entspricht in etwa der kulturellen Vielfalt des Landes. Und in vielen Musikstilen werden bis heute gesellschaftlich relevante Themen transportiert. So wie vor dem Beginn der Demokratisierung, als die Musik ein wichtiges Mittel im Kampf gegen das Apartheid-Regime darstellte – der eben erschienene Film „Amandla! A Revolution in Four-Part Harmony“ von Lee Hirsch dokumentiert dies eindrücklich.

Kapuzenmann Mzekezeke

Zum Sound der Post-Apartheid-Generation ist Kwaito aufgestiegen, eine Partymusik, die House, Dancehall, R&B, südafrikanische Popstile und Rap in Zulu, Tsotsi Taal und dem Township-Slang S’camtho, zusammenbringt. „Kwaito ist geboren worden, als Nelson Mandela das Gefängnis verlassen durfte“, sagte Johannesburgs Kwaito-Star Mzekezeke, als er an der Verleihung des „South Music Award 2003“(SAMA) zu Südafrikas Künstler des Jahres ausgezeichnet wurde. Mzekezeke, der letzten Samstag am Festival Afro Pfingsten in Winterthur aufgetreten ist, avancierte in den letzten Jahren zum Kultstar des Genres. Er, der immer mit einer schwarzen Kapuzenmütze auftritt, sieht sich als die Stimme des gesichts- und stimmlosen Township-Bewohners. Bekannt geworden ist er durch seine Sendung auf dem Jugendradio Y-FM, in der er in bewusst schlechtem Township-Englisch Interviews mit südafrikanischen Berühmtheiten – sogar mit Präsident Mbeki – führt und diejenigen Fragen stellt, die vielen unter den Nägeln brennen. Mzekezeke ist allerdings eine Ausnahmeerscheinung: Die Kwaito-Industrie wird zunehmend kommerzieller und inhaltsleerer.

Über 20 Jahre Hip Hop im Kapstadt

Die südafrikanischen Medien erklärten 2003 provokativ zum Jahr des Hip Hop. Und Majorlabels produzierten in letzter Zeit mehr Rap-Alben denn je. In den Townships von Kapstadt wird die Hip-Hop-Kultur seit über zwanzig Jahren gelebt. Einen Einblick ins Leben zweier junger Frauen, die sich für die Hip-Hop-Kultur entschieden haben, bietet der Dokumentarfilm “MIX” von Rudzani Dzuguda. „Unsere Eltern kämpften für Bürgerrechte, wir für unsere Selbstverwirklichung“, bringt She-DJ Tumelo das Selbstverständnis einer Generation auf den Punkt. Die DJ bezeichnet HipHop als ihr zuhause – nicht zur Freude ihrer Eltern. Sie sehen es nicht gerne, dass sich ihre Tochter in „Jungenkleider“ nachts auf den Strassen rumtreibt. Der Vater fürchtet, dass Tumelo in die Drogen abstürzen könnte. Überhaupt sei Hip Hop importierte Kultur und habe nichts Südafrika zu tun.

Die drei Rapperinnen von der Gruppe Godessa kennen all diese Vorurteile. Sie fanden vor vier Jahren zusammen, als sie gemeinsam Musik zum Aids-Dokumentarfilm „Steps To The Future“ schrieben. Vorher hatten Eloise Jones und Bernadette Amansure mit südafrikanischen Rap-Pionieren wie Prophets of da City gearbeitet, und Shameema Williams erteilte Hip-Hop-Workshops - unter anderem in Gefängnissen. Das Trio aus Kapstadt lebt zur Zeit auf Einladung der Pro Helvetia zwei Monate im Schlachthaus Bern und spielt mehrere Konzerte in der Schweiz: Am Festival Afro Pfingsten kamen Godessa letztes Wochenende gut an. Insbesondere das energiegeladene und erfrischende Auftreten, die „Spoken Word“-Passagen und der Soulgesang von Eloise Jones sowie die kompromisslose Old-Skool-Rap-Attitüde überzeugten. Die vielschichtigen Texte über Themen wie Armut, Drogen, Kriminalität, Aids und Vergewaltigung waren hingegen aus tontechnischen Gründen nur schwer zu verstehen.

„Revolution hat ihren Preis“

„Es braucht mehr Frauen im Hip Hop“, erklären die drei bei einem Gespräch in Bern: „Die Männer sind oft zu selbstverliebt. Wir haben hart gearbeitet, uns immer wieder von südafrikanischen Rappern der ersten Stunde helfen lassen und beginnen jetzt, unsere Ziele zu erreichen.“ Die Entwicklungen in ihrer Heimat bereiten Godessa Sorgen. „HipHop ist plötzlich überall: In der Werbung und auf vielen Radiostationen. Und die vor allem in Johannesburg konzentrierte Musikindustrie produziert Album um Album von Rappern, die sich nur für HipHop interessieren, weil sich plötzlich Geld verdienen lässt. Die Inhalte gehen verloren. Und die Videoclips erinnern stark an jene der kommerziellen Rapstars aus den USA. Eine Alternative zum Kwaito ist dieser Kommerz-Rap kaum mehr.“ Selber wollen Godessa unabhängig bleiben, gehen aber durchaus Kompromisse ein. Obwohl die drei in ihrem Hitsong „Social Ills“ davon sprechen, dass Markenjeans kein Statussymbol sein sollten, für das man sich finanziell ruiniert, haben sie vor kurzem just einen Sponsoringvertrag mit Levis’ Jeans abgeschlossen – und werden jetzt dafür kritisiert. Godessa aber wissen sich zu verteidigen: „Dank dem Geld haben wir unsere erste CD produzieren können und können unsere Botschaft jetzt einem breiteren Publikum vortragen. Es ist immer ein Abwägen. Revolution hat ihren Preis.”

Hip Hop als Instrument zur Bildung

Hip Hop sei ein ideales Instrument zur Bildung und Aufklärung der Jugend, findet Williams. Das wissen auch die in- und vor allem ausländischen NGO (Nicht-Regierungsorganisationen), die sich seit einigen Jahren in Südafrika an Hip-Hop-Projekten beteiligen. Godessa arbeiteten in zahlreichen Dokumentarfilmen und in Projekten wie HIVhop mit, die meistens von der lokalen Community-Radiostation „Bush Radio“, dem Niederländischen Institut für Südafrika (NiZA) und der niederländischen NGO Madunia unterstützt und initiiert wurden. 2001 wurde Eloise Jones von NiZA und Africanhiphop.com zum Kongress „Pan-African Exchange“ in Dar es Salaam in Tansania eingeladen, wo sie an Paneldiskussionen und Workshops teilnahm. „Ohne internationale NGO gibt es keinen künstlerischen Austausch zwischen den verschiedenen Staaten Afrikas“, erzählt Jones. „Es ist für uns einfacher und billiger, nach Europa zu fliegen, als Konzerte in unseren Nachbarländern zu organisieren. Die Kontakte zu Rappern aus Senegal, Tansania oder der Elfenbeinküste werden denn meistens auch an Veranstaltungen in Europa geknüpft.“

In den letzten Jahren gaben Godessa auch einige Workshops in den Niederlanden, was manchmal zu skurrilen Situationen geführt habe: „Gelegentlich treten wir bei Anlässen vor 50-jährigen Sozialarbeitern und Entwicklungshelfern auf, die sich eigentlich nicht für HipHop interessieren.“ Weiter schlimm finden sie dies nicht: „Wir versuchen neben den offiziellen Anlässen jeweils möglichst viele Kontakte zur lokalen Hip-Hop-Szene zu knüpfen.“ – was der Gruppe sehr leicht fällt: „Hip Hop ist ein globaler Lebensstil. Wir finden überall Gleichgesinnte.“ Die drei Rapperinnen betonen denn auch, dass sie bewusst nicht zu viele lokale Stile in ihre Musik hineinmischen wollen: „Wir unterscheiden uns in unserer Sprache und unseren Themen. Musikalisch wollen wir uns nicht zu sehr von der globalen Rapgemeinde absondern. Wir wollen uns auch nicht wie Klischee-Afrikanerinnen kleiden. Wir wollen dazugehören. Was ist falsch daran, wenn Jugendliche in der ganzen Welt eine gemeinsame Sprache sprechen? Hip Hop ist das ideale Kulturaustauschprogramm.“

 

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