Musik und Internet in Afrika, Asien und Lateinamerika
Auch MusikerInnen, die abseits der westlichen Zentren leben, präsentieren sich via Internet im virtuellen, globalen Markt. Immer wieder aber öffnet sich der digitale Graben. Eine Websuche, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.
Mausklick. MtaaFM streamt live aus dem Real Player. Das ostafrikanische Webradio sendet via www.nairobicity.net das „Beste aus Kenia, Uganda und Tansania”. Rapper jonglieren mit uns fremden Worten, R&B schafft Weltgefühl, Soulköniginnen versüssen die Refrains, ab und zu dringen afrikanische Musikelemente ins lokal-globale Soundgeflecht. Klick. Auf www.tehranavenue.com soll die beste iranische Underground-Band erkoren werden. Der Websurfer hat die Qual der Wahl: Die Scratchgewitter und abenteuerlichen Tempowechsel der Gruppe Noise? Englisch gesungener Speedmetal und Garagenrock, oder aber persische Schnulzenlieder? Insane soll gewinnen. Der Sänger dieser Gruppe schreit zwar nicht sonderlich überzeugend, dafür umso konsequenter ins Mikrofon. Mausklick. Auf www.maorimusic.com singt die Maori Jacqui Keelan zu Elektro-Beats, und die Girlgroup T-SISTAZ gibt in gut geerdeten Popsongs wieder, was sie in der Maori-Version der TV-Sendung Musicstar gelernt hat.
Das World Wide Web ist eine musikalische Wundertüte. Mit den immer billigeren Informations- und Kommunikationstechnologien und der kostengünstigeren Phonotechnik erhalten auch einige Musikerinnen und Musiker abseits der westlichen Zentren neue Handlungsmöglichkeiten. Den Traum, unabhängig von Produktions- und Vertriebsfirmen bis in die hintersten Ecken der Welt vorzudringen, träumen nicht wenige. Überblicken lassen sich die Musikwebseiten nicht; jede Auswahl ist zufällig. Ähnliche Muster lassen sich aber ausmachen. Zu finden sind viele mehr oder weniger gehaltvolle Musikerwebseiten: Zum Beispiel von der palästinensischen Rapband MWR (www.mwr-rap.com), der Trip-Hop-Formation Soap Kills aus Beirut (www.soapkills.com) oder der mittlerweile in New York und London erfolgreichen Elektronika-Gruppe MIDIval PunditZ aus Neu Delhi (www.punditz.com). Hinzu kommen grössere Webportale wie www.music.org.za für Südafrika, www.tamizdat.org für Osteuropa oder www.africanhiphop.com für Afrika. Sie liefern Hintergrundinformationen, bieten MP3 zum herunterladen und auch mal CDs zum Kauf an. Gelegentlich funktionieren diese Portale auch als Webradios. Aus dem kanadischen Exil etwa klingt Radio Afghanistan (www.radioafghanistan.com) über den Webäther.
Ganz oben in den Web-Suchmaschinen tauchen diese Webseiten selten auf. Im gigantischen Meer der Internetangebote wahrgenommen zu werden, bleibt deshalb für MusikerInnen aus Afrika, Asien oder Lateinamerika alles andere als leicht. Und findet ein Surfer mal auf eine Webseite aus fernen Welten, zögert er, dem unbekannten Anbieter seine Kreditkartenummer anzuvertrauen. Die Publicity-Wirkung der schliesslich heruntergeladenen MP3- oder OGG-Daten bleibt beschränkt. Das Musikfile mit dem fremd klingenden Künstlernamen landet irgendwo auf dem Computer; es fehlen weiterführende Informationen zum Künstler und Kontaktangaben, wie sie auf CD-Covern mit drauf stehen. Früher oder später gehen Herkunft und Urheber des MP3-Files vergessen.
Suche ohne Ergebnis abgeschlossen
Will der Normalverbraucher MP3-Songs downloaden, nutzt er die grossen Musiktauschbörsen „Kazaa“ oder „Napster 2.0“, die Online-Shops „MusicNet“ und „Pressplay“ der Musikindustrie, „MusicMatch“ von Dell, oder aber den i-Tunes Shop von Apple, über den heute bereits siebzig Prozent der weltweiten Downloads abgewickelt werden sollen. Auf all diesen Plattformen wird allerdings hauptsächlich getauscht oder heruntergeladen, was Mann und Frau auch im CD-Laden kaufen oder zumindest importieren könnte. So findet der Websucher beim Filesharing-Programm Kazaa die Stars der Weltmusikindustrie im Nu, die kommerziellen Popstars der arabischen Welt oder Südafrikas mit etwas Geduld. Beim Stöbern nach alternativen Musikern aus Bali oder Bolivien erklingt indes ein Warnsignal, und es steht „Suche ohne Ergebnis abgeschlossen“ zu lesen.
Für Freunde alternativer Musikstile könnten die sogenannten Net-Audiolabels interessanter sein, mit denen vor allem elektronische Soundtüftler gegen die Dominanz der globalen Musikindustrie angehen möchten. Labels wie www.kahvi.org oder www.hippocamp.net bieten Musikdownloads an und fühlen sich nicht selten als Tore zu einer freien, hierarchielosen Musikwelt. Gerade auf ihren Webseiten finden sich aber höchst selten KünstlerInnen, die nicht in der „Ersten Welt“ leben. Zur Ausgrenzung scheint mit zu führen, dass gerade nicht-kommerzielle Elektroszenen höchste Ansprüche an Soundqualität und Produktionstechnik stellen und Künstler aus der „Dritten Welt“ oft ein paar Schritte hinter dem definierten Puls der Zeit zurückbleiben - nicht zuletzt weil sie nicht immer die neueste Software auf ihrem Computer installiert haben. Eine Ausnahme bildet das CD-Label und Künstlernetzwerk Leerraum: Auf www.leerraum.ch bietet der Berner Künstler Zimoun unter anderem CDs mit elektroakustischen Experimenten von Mahmoud Refat aus Kairo und Wangfan und fm3 aus Beijing an.
„Fly Utopia!“ in Berlin
Bleibt die Frage, ob trotz der Probleme und dank den neuen Möglichkeiten neue MusikerInnen bei uns Auftrittsmöglichkeiten finden. Das Medienkunstfestival Ars Electronica widmete sich bereits 2002 urbaner Musik aus Afrika. Das Internationale Media Art Festival Transmediale in Berlin ging in diesem Jahr mit dem Thema „Fly Utopia“ an den Start. An Konferenzen wurde mit Webkünstlern aus der arabischen Welt und Israel diskutiert, und im Club Transmediale traten Elektronikmusiker aus Ost- und Südosteuropa auf. Im Frühjahr wird sich das Haus der Kulturen in Berlin zudem mit neuen Formen des iranischen Kunstschaffens befassen. Weltoffen gibt sich auch die kanadische Organisation MUTEK, die sich seit der Jahrtausendwende für die immer neuen Formen elektronischer Musik einsetzt. Heute organisiert MUTEK unter anderem ein Festival in Chile und führt Tourneen in Mexiko durch. Wer sich aber im MUTEK-Archiv die Webstreams durchhört, stellt ernüchtert fest, dass ein Grossteil der Elektronikmusiker aus Europa und den USA stammen und lokale Unterschiede kaum auszumachen sind. Immerhin findet man die Japanerin Tujiko Nuriko, mit ihren leisen, dichten, überraschenden Soundgeflechten.
Der digitale Graben zwischen Nord und Süd ist so einfach also nicht zu schliessen. Selbst für diejenigen, privilegierten MusikerInnen, die Zugang zum Internet haben, existiert Chancengleichheit erst in Ansätzen. Wer seinen Markt ausweiten will, muss sich letztlich wohl noch immer in Netzwerke mit Agenturen, Veranstaltern und Musiklabels einbinden. Längerfristig die Wettbewerbschancen erhöhen könnten vielleicht am ehesten grössere Musiknetzwerke wie www.culturebase.net Das Haus der Kulturen in Berlin formt mit dieser Künstlerkontaktseite ein alternatives Netzwerk zu den existierenden Verknüpfungen in der Musik- und Konzertindustrie. Das Netzwerk könnte als Dienstleistung für nach Neuem suchende Konzertveranstalter, Agenturen und Musiklabels dienen und so vielleicht mithelfen, Zugänge sicherzustellen und reale Grenzen zu überwinden.