Eine blühende Festivalszene und neue Musiktrends zeugen von einer kulturellen Aufbruchstimmung
450.000 Besucher strömten zum 8.Gnawa-Weltmusik-Festival in Essaouira. Jedes Jahr im Sommer verwandelt das viertägige Festival die mittelalterliche Medina des beschaulichen Atlantik-Hafenstädtchens in einen brodelnden Hexenkessel. Buslinien und Hotels sind ausgebucht, zahlreiche einheimische Familien ziehen zu Verwandten, um Besuchern Apartments zu vermieten und sich ein willkommenes Zubrot zu sichern. Die Zugangsstrassen werden von Polizeisperren abgeriegelt und in der Innenstadt nimmt die Zahl der Zivilpolizisten auffällig zu. Willkürliche Personenkontrollen sind an der Tagesordnung – seit den Anschlägen von Casablanca geht man auf Nummer sicher. Das Gnawa-Festival hat bei den Fundamentalisten kaum Sympathien: Es ist ein jugendliches und unkonventionelles Publikum, das in überfüllten Bussen aus allen Landesteilen anreist. Dreadlockträger und junge Leute im Hiphop-Look mischen sich unter barttragende Männer im Djellaba-Gewand. Studentinnen mit Designer-Sonnenbrille und neuester Sommermode stehen neben kopftuchtragenden Altersgenossinnen und Großfamilien, die von Müttern in traditionellen Gewändern beaufsichtigt werden.
Alle kommen sie, um den Gnawa feiern, der derzeit eine Renaissance erlebt.
Der Erfolg des Festivals ist Vorbild für neue Kulturevents, die derzeit in vielen marokkanischen Städten aus dem Boden sprießen. Nur einige Tage später findet in Agadir das zweite Timitar-Festival statt. Zudem konnten die Marokkaner diesen Sommer Neuauflagen des Festivals der heiligen Musik in Fes, des Tanjazz-Festivals in Tangier und des Mawazine-Festivals in Rabat erleben, die allesamt zu Publikumsmagneten geworden sind. Das internationale Filmfestival in Marrakesch zeigt, dass es auch in anderen Kultursektoren neue Impulse gibt.
Anzeichen einer Aufbruchsstimmung, die mit dem neuen König zu tun hat. Er gibt vor, sich um einen weniger autoritären Herrschaftsstil und eine Modernisierung der Gesellschaft zu bemühen. Das Kulturministerium steigerte zwischen 1997 und 2004 seine jährlichen Ausgaben für den Festival-Bereich um 20% auf 5,2 Millionen Euro. Image- und Tourismuswerbung mögen für den marokkanischen Staat eine wichtige Rolle spielen. Für die Marokkaner bieten die Festivals, die oftmals kostenlos sind, nicht nur ein neues Freizeitvergnügen, sondern auch die Entdeckung neuer kultureller Freiheiten. Die Wochenzeitung „Le Journal Hebdomadaire“ schwärmte angesichts der „Explosion von Festivals“ von einer marokkanischen „Movida“. Ein Begriff, der auf die kulturelle Revolution in Spanien anspielt, die nach Francos Tod den Übergang zur Demokratie begleitete.
Die Urheber der Festivals sind meist Privatpersonen und Bürgerinitiativen. Diese Unabhängigkeit erlaubt neue Blickwinkel auf die eigene Kultur, sowohl auf verdrängte Traditionen als auch auf aktuelle Trends und Experimente. „Vor allem die Jugend sucht neue Formen des kulturellen Ausdrucks. Wir wollen diese Entwicklungen fördern“ beschreibt Neila Tazi, Direktorin des Essaouira-Festivals, ihr Anliegen. „Das Festival unterstützt den Öffnungsprozess. Als wir vor acht Jahren anfingen, erschien es unmöglich, so etwas zu organisieren. Heute ist das Festival das populärste in Marokko und drückt die Hoffnung der Marokkaner aus, dass dieser Weg fortgesetzt wird.“ Davon profitiert auch die lokale Musikszene, die gerade dabei ist sich einen eigenen Weg zwischen traditionellem Musikerbe und westlicher Moderne zu bahnen.
Beim Timitar-Festival steht die Berberkultur im Mittelpunkt. Eine Kultur, die lange unterdrückt war. Erst seit kurzem werden die Berber-Sprachen, mit denen viele Marokkaner aufwachsen, auch wieder an Schulen unterrichtet. Das neue Berber-Selbstbewusstein zeigt sich weltoffen: Die Berber-Musikgruppen spielen zusammen mit Jazz- und Folkmusikern aus den USA, Spanien oder dem Senegal. An einem Abend lauschen 40.000 Zuhörer dem Berber-Star Mohamed Rouicha. Tags darauf ist Platz für Amarg Fusion, eine junge Band, die Berberklänge mit Hiphop und Reggae mischt und zusammen mit den französischen „Le Peuple de l´herbe“ auftritt.
Auch das Essaouira Festival hat sich einer Wiederbelebung vergessenen Kulturerbes verschrieben: Lange Zeit führte der Gnawa ein Schattendasein. So wie die Berbermusik wurde er nie als Teil der Nationalmusik begriffen. Immer noch gilt der von den Mauren im 15.Jahrundert muslimischen Spanien geschaffene Arabo-Andalous-Stil als Marokkos klassische Musik. Daneben dominierten der Rai und populäre Musik aus Ägypten den Musikkassettenmarkt. Und dies obwohl die Gnawas seit den 60er Jahren großen Einfluß auf die internationale Musikwelt ausübten. Die amerikanischen Jazzmusiker Randy Weston und Pharaoh Sanders spielten Aufnahmen mit ihnen ein. Im Zeitalter von „Love&Peace“ pilgerten Rock- und Popgrößen nach Essaouira. Jimmy Hendrix, Carlos Santana und die Mitglieder von Led Zepplin verweilten hier, um von den Gnawas zu lernen.
„Meine Familie war zuerst gegen meine Neigung zum Gnawa. Damals wurde die Musik mit Drogen und Dekadenz gleichgesetzt“ erzählt Abdeslam Alikane. Heute ist der 47jährige Mitbegründer und Co-Direktor des Festivals ein anerkannter Mâalem, wie die Gnawa-Meister genannt werden, und gibt Konzerte auf der ganzen Welt.
„Früher lebten die Gnawas ausgegrenzt, am Rande der Gesellschaft,“ erzählt Neila Tazie. „Da diese Kultur darauf angewiesen ist, dass sie mündlich von Generation zu Generation überliefert wird, bestand die Gefahr, dass sie ausstirbt. Dank des Essaouira-Festivals werden sie wieder neu wertgeschätzt. Heute kann ein Gnawa mit seiner Musik seine Familie ernähren, ohne tagsüber arbeiten gehen zu müssen.“
Der subkulturelle Statuts des Gnawa hat mit seiner Geschichte zu tun. Die Musik kam mit schwarzafrikanischen Sklaven nach Marokko. Ab dem 11. Jahrhundert wurden sie aus Westafrika in die Königreiche des Maghreb verschleppt. Der Begriff Gnawa steht gleichzeitig für die spirituelle und islamische Bruderschaft, in der sich die Exilanten organisierten, um ihre alten Bräuche fortführen zu können. Die Lieder haben religiöse Komponenten, die sich etwa in der Anrufung islamischer Schutzheiliger äußern. Aber auch die Erfahrungen der Sklaverei werden besungen, ebenso wie die Sehnsucht nach der Heimat sowie die Diskriminierungen in der Diaspora. Parallelen zur Kultur der afroamerikanischen Sklaven haben zur Beschreibung des Gnawa als „marokkanischer Blues“ geführt.
Im Laufe der Zeit mischten sich die Gnawa mit anderen Volksgruppen und nahmen deren Einflüsse auf. Heute werden die Texte auf arabisch oder in einem der Berber-Dialekte vorgetragen. Einige afrikanische Wörter haben in den Liedern überlebt. So ist der Gnawa ein Beleg für die oft verdrängte gemeinsame Kulturgeschichte mit den schwarzafrikanischen Ländern. Zudem steht er für einen Islam, der vielfältige Praktiken und Religionsauffassungen toleriert.
Im Zentrum des Gnawa steht das Guembri, eine Basslaute mit drei Seiten, die aus einem mit Ziegenhaut bespannten Holzkörper gefertigt wird. Mit diesem Instrument gibt der Mâalem den Rhythmus vor, sowie die pentatonischen Melodien für den im Call-and-Response-Muster vorgetragenen Gesang. Die anderen Musiker begleiten ihn mit ihren Metalkastagnetten, den „qraqrebs“, und erzeugen so ein blechernes Rhythmusgewitter. Ein Feuerwerk aus knatternden Rhythmuskaskaden und hymnischen Bass- und Gesangslinien entsteht. Noch gesteigert durch abrupte Tempo- und Rhythmuswechsel und improvisierte akrobatische Tanzeinlagen, erzeugt diese Musik eine Stimmung, deren Bann sich der Zuhörer kaum entziehen kann.
Die geradezu hypnotische Wirkung ist kein Zufall. Seit jeher nutzen die Gnawas ihre Musik auch für Heilungszeremonien. Mit den sogenannten Lilas, nächtliche Ritualen, die erst mit dem Morgenrauen enden, sollen Leiden aller Art geheilt werden. Nach einem uralt überlieferten Ablauf werden mit der Musik verschiedene Geisterkräfte, sogenannte Mlouks, aufgerufen. Ziel ist es, den Patienten in einen Zustand der Trance zu versetzten, damit er sich mit dem ihn betreffenden Geist in Verbindung setzten kann. Eine Mischung aus Hokuspokus, Sozialpsychologie und Musiktherapie, die an den Voodoo oder den kubanischen Santeria-Kult erinnert. Noch heute sind solche Lilas in Marokko verbreitet.
In Essaouira sind die traditionellen Musiker nicht exotisches Aushängeschild, sondern sie stehen im Mittelpunkt des Geschehens. Dies zeigt etwa der Auftritt des Gnawa-Giganten Mahmoud Guinea. Ein selbstbewusster Mâalem, der Respekt vor der Tradition einfordert. Er spielt zusammen mit den Percussionisten von Nainy Diabaté, die vor ihm die Zuhörer in die Musikwelten Malis entführt. Der mächtige, tiefschwarze Guinea genießt es sichtlich, mit seinen tiefen Guembri-Basslinien die Tanzwogen des Publikums zu steuern und in einer mehrstündigen Rhythmusorgie die Wurzeln der afrikanischen Musik zu zelebrieren.
Welche Bedeutung der Gnawa für Marokko hat, zeigt beim diesjährigen Festival ein geschichtsträchtiges Sonder-Konzert: Eine Hommage an Abderrahman Paca. Einen Gnawa-Mâalem und Sohn der Stadt, der - heute mittlerweile schwer erkrankt - früher bei den legendären Gruppen Nass El Ghiwane und Jil Jilala spielte. Diese Gruppen werden in Marokko mythisch verehrt, weil sie Anfang der 70er Jahre eine wahre Musikrevolution auslösten. Anstatt den klassisch-arabischen Musikimporten oder westlichen Trends zu folgen, schufen sie Marokkos erste eigene populäre Musik. Während die Elite eine autochthone Kultur ignorierte, kombinierten sie den Gnawa mit anderen Volksmusiken und erneuerten diese zugleich. Statt kitschige orientalische Liebeslieder zu singen, brachten sie in den Texten die Sorgen und Nöte des einfachen Volkes zum Ausdruck. Diese neue Sozialkritik war umso bedeutender, als es in dieser Zeit kaum möglich war, offen über Politik zu sprechen. Die „bleiernen Jahre“ kündigten sich an. Jene Zeit, in der Hassan II, der Vater des derzeitigen Königs, unzählige Oppositionelle foltern und für Jahre hinter Gittern verschwinden ließ. Es ist denn auch ein eher älteres Publikum, das ergriffen den ehemaligen Mitmusikern von Paca lauscht.
Gleichzeitig gibt es viel Raum für Fusion-Experimente. Namhafte internationale Musiker aus den Sparten Jazz und Weltmusik machen sich nach Essaouira auf den Weg, um mit den Gnawas zusammenzuspielen. In Vergangenheit waren hier etwa Joe Zawinul, Keziah Jones, Ali Farka Touré und die Wailers zu Besuch. Auch dieses Jahr gibt es spannende Genre-Grenzüberschreitungen zu hören. BoZiLo, ein international besetztes Jazztrio um den algerischen Schlagzeuger Karim Ziad, setzt sich in groovenden Improvisationen mit dem traditionellen Liedgut des Mittelmeerraumes auseinander. Sie werden von dem Publikum ebenso gefeiert wie die Gnawas von Mâalem Mustapha Bakbou. Die Session der beiden Gruppen verwandelt sich in eine aufregende Entdeckungsfahrt zwischen Roots und modernem Jazz.
Auch die DJ-Kultur hat mittlerweile ein Forum. Auf der Strandpromenade treten zwei Künstler auf, die ihr Glück im Ausland gemacht haben. DJ U-Cef arbeitet in London, und DJ Cheb I Sabbah hat sich in den USA niedergelassen. Sie reichern ihr Jungle und Drum ´n Bass-Gebräu mit Rai-Songs, Gnawa-Rhythmen und Berbergesängen an. Eine Art Elektro-Tajine, die bei jung und alt auf dem überfüllten Strand bestens ankommt. Später kommt eine HipHop-Crew hinzu, die zeigt, dass Rap auch auf marokkanisch bestens funktioniert. „Allah ist groß, es lebe Casablanca“ singen sie. Die Musik aus der Bronx ist in neuen hybriden Formen längst in den Maghreb-Großstädten angekommen.
Das viele junge marokkanische Musiker sich für ihr kulturelles Erbe begeistern, zeigen in Essaouira auch „Darga“ aus Casablanca. Der Bandname heißt übersetzt „Kaktus“. Ein Stachel im Bewusstsein der Gesellschaft wollen sie sein, aber gleichzeitig auch ausdauernd wie ein Kaktus und fest verwurzelt. In den Texten geht es um die Alltagssorgen der Jugend, aber auch um den Stolz auf die eigene Kultur. Das ist keine Selbstverständlichkeit in einem Land, in dem über die Satellitenschüsseln verheißungsvolle Werbebotschaften aus den Konsumparadiesen des Westens zu empfangen sind und viele Jugendliche nur in der Auswanderung eine Zukunft für sich sehen.
„Wir wollen uns der Welt öffnen, aber auch unser kulturellen Besonderheiten bewahren, das ist die einzige Möglichkeit, auf die Globalisierung zu reagieren, ohne von ihr überrannt werden“, beschreiben sie ihre Anliegen. Ihre Musik mischt Gnawa und andere marokkanische Stile mit viel Reggae, Funk und Rock. Das haben vor ihnen schon Bands wie Gnawa Diffusion, Zebda und Orchestre National de Barbes vorgemacht. Sie waren die ersten, die in den Schmelztiegeln der französischen Großstädte Maghreb-Sounds mit Rock und Pop zu einem neuen, eigenen Bastard-Stil fusionierten. Darga will zeigen, dass das auch im eigenen Land möglich ist.
„Es gibt keine Produzenten. Instrumente sind teuer und die Raubkopie-Mafia ist ein großes Problem“ beschreibt Nabil, einer der Sänger der Band, die Hindernisse. Die fehlende Infrastruktur wird durch Selbstinitiative ausgeglichen: Von der CD über T-Shirts bis hin zur Web-Seite wird alles in Eigenregie hergestellt.
Darga profitierte - so wie andere Bands wie Hoba Hoba Spirit und Rif Gnawa - von der Gründung des „Boulevard des Jeunes Musiciens de Casablanca“. Das einmal im Jahr stattfindende Festival hat sich zu einem Sprungbrett für die Jugendmusikszene entwickelt. Es geht auf die Initiative von zwei Jugendlichen zurück, die für Bands Proberäume und Auftrittsmöglichkeiten organisierten, die ihnen von staatlichen Kulturzentren verwehrt wurden. Mittlerweile feiern dort jedes Jahr Zehntausende. Von Hardrock über HipHop a la MTV bis zu Fusion-Experimenten ist alles zu hören. Ermöglicht wurde dies durch das Sponsoring von Firmen wie Nokia und Coca-Cola. 70% der marokkanischen Bevölkerung sind unter dreißig Jahren alt, eine neue Zielgruppe, die sich die multinationalen Konzerne nicht entgehen lassen wollen.
„In den 80er Jahren wären wir wegen unserer Texte wahrscheinlich ins Gefängnis gewandert, mein älterer Bruder wurde früher wegen seiner Dreadlocks von der Polizei verhaftet und zum Friseur geschleppt“ meint Badre, der Gitarist von Darga. „Jetzt gibt es eine neue Meinungsfreiheit. Tabus werden gebrochen und man kann unbefangen über die Vergangenheit geredet. Das ist die Grundlage jeder Veränderung“ Andere meinen, dass der Hoffnungsschimmer der Demokratisierung nur eine Fata Morgana ist. Während das Festival in Essaouira über die Bühne geht, werden in Rabat täglich protestierende arbeitslose Hochschulabsolventen von der Polizei niedergeknüppelt. Im vergangenen Jahr ließ das Staatsfernsehen einen islamistischen Führer über das Festival herziehen. In einer landesweit übertragenen Freitagspredigt beschimpfte er Essaouira-Festival als „ein Hort der Drogen, der Ausschweifungen und der Homosexualität“. Dagegen will Neila Tazi mit dem Festival Toleranz und Differenz propagieren: „Wir repräsentieren das moderne Leben, den Wunsch, sich auszudrücken, Erfahrungen zu teilen, neue Kulturen zu entdecken. Diese Werte stehen im Gegensatz zu denen der Extremisten.“
Keine leichte Aufgabe angesichts der sozialen Gegensätze: Sponsorenplakate von Pepsi, TV5 und Meditel nutzen den Gnawa-Hype, um den Aufbruch Marokkos in die Konsumgesellschaft zu verkünden. Bei mehr als 30% Arbeitslosigkeit und steigenden Armutsraten klingen solche Botschaften zynisch. Die Zwänge der marokkanischen Gesellschaft sind allgegenwärtig: Vor den Konzertbühnen prangen Bilder des Königs und seines verstorbenen Vaters. Im überdimensionierten Sonderbereich vor der Bühne und bei teuren Extrakonzerten in den noblen Riads tummeln sich blasierte VIP-Gäste aus der „feinen Gesellschaft“. Das tut der ausgelassenen Stimmung hinter den Absperrungen jedoch keinen Abbruch. In Essaouira ist - wie ein marokkanischer Kommentator schreibt - „die Straße der Ehrengast“.